Wer intensiv genießt hat mehr vom Leben

Von frühester Kindheit an lernen wir, Unangenehmem und Schädlichem aus dem Weg zu gehen. Die heiße Herdplatte, der Stich an den Dornen einer Rose, die Schärfe von Peperoni, all das erfahren wir zum ersten Mal mit unseren Sinnen, um es dann später zu vermeiden.

Der Geruch von frischem Essen, die Süße eines leckeren Rührkuchens, die Weichheit und Wärme des Lieblingskuscheltiers verbinden wir dagegen mit angenehmen Gefühlen. Unser Gehirn bildet auf diesem Wege in jedem Augenblick des Alltags ein Vermeidungs- oder Annäherungsgedächtnis aus. Daraus speisen sich unsere Erfahrungen und Erwartungen, die wiederum unser Handeln und unser Verhalten mitbestimmen.

Wie wir mithilfe der bewussten Nutzung unser Sinneseindrücke, wie Geruch und Geschmack, positiv erlebte Ereignisse dauerhaft speichern können, haben vor kurzem Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Neurobiologie genauer untersucht. Bei der Ausbildung des Gedächtnisses spielen Nervenzellen in unserem Gehirn eine Rolle, die über den Botenstoff Dopamin verfügen, um miteinander zu kommunizieren. Diese Nervenzellen sind darauf spezialisiert, entweder negative oder positive Sinneseindrücke zu speichern. Bei der Stabilisierung von Eindrücken spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle: So ist ein spezieller Nervenzelltyp für die langfristige, ein zweiter für die mittelfristige Speicherung von Reizen zuständig. Der dritte wird ausschließlich für eine kurzfristige Speicherung benötigt. Nur, wenn alle drei Zelltypen eng zusammenspielen, kann ein stabiles und funktionsfähiges Gedächtnis entstehen. Interessant ist, dass alle genannten Nervenzelltypen mit einem Neurotransmitter arbeiten: Dopamin. Weiterhin fanden die Wissenschaftler heraus, dass wir die Ausbildung von Gedächtnisinhalten mittels bewusst wahrgenommener Sinneseindrücke effizienter und dauerhafter gestalten können.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für unseren Alltag?

Immer wenn wir ein für uns positives und angenehmes Ereignis erleben, sollten wir uns mit allen Sinnen darauf konzentrieren. Gleichzeitig lohnt es sich, das Erlebte mit einem zuvor ausgewählten, für uns intensiven Sinneseindruck dauerhaft zu verbinden. Ein Beispiel: Sie planen seit langer Zeit wieder einmal einen Opernbesuch: Madame Butterfly von Puccini. Vor Jahren haben Sie sich besonders in das Stück aus dem ersten Akt „Ancora Un Passo Or Via“ verliebt. Ihr Herz öffnet sich immer wieder bei dem schwebenden Klang der Violinen und Stimmen. Insbesondere, wenn Angela Gheorghiu singt, wie an diesem geplanten Abend. Sie wollen dieses Ereignis für immer in Ihr Gehirn „einbrennen“, unvergesslich und unverfälscht? Sie wünschen sich einen einzigartigen Abend, an den Sie sich auch in schwierigen Zeiten intensiv erinnern?

Um das zu schaffen, können Ihnen folgende Tipps helfen:


➊ Sie sollten an diesem Tag sehr entspannt sein und sich nur mit Menschen und Dingen umgeben, die Ihnen wirklich angenehm sind. So kann sich Ihr Gehirn überhaupt erst auf das Kommende konzentrieren.

➋ Wählen Sie Ihre Kleidung bewusst aus: nicht zu eng, nicht zu weit. Ziehen Sie etwas an, das Sie sich einmal in einer angenehmen Situation gekauft haben und das Sie auch noch in ein paar Jahren tragen können.

➌ Essen Sie ab mittags nichts Schweres oder Fettiges, trinken Sie keinen Alkohol. All das könnte Ihr Gehirn unnötig beschäftigen und vom Genuss der Oper ablenken.

➍ Hören Sie sich schon am Nachmittag in die Musik ein. Schließen Sie während Ihres Lieblingsstücks die Augen und drehen Sie sich zum Geschehen einen eigenen „Film“. Malen Sie sich aus, was zwischen den Darstellern passiert, welche Kleider sie tragen, erahnen Sie deren Gesichtszüge und Bewegungen. Wie sieht das Szenenbild aus, wo spielen die einzelnen Szenen, wie ist das Licht, der Duft, die Atmosphäre?

➎ Und nun kommt der wichtigste Punkt: Nachdem Sie sich angezogen und zurecht gemacht haben, tragen Sie einen wunderbaren Duft auf. Nehmen Sie das Parfum mit oder tropfen Sie etwas auf ein Taschentuch. Dieser Sinneseindruck wird Ihnen helfen, die positiven Eindrücke während des Opernbesuches effizienter und nachhaltiger abzuspeichern.

➏ Kurz bevor Sie losgehen, setzen Sie sich noch einmal einen Moment auf einen Stuhl und gehen Ihre Gedanken im Kopf durch. Achten Sie auf jegliche Abschweifung, steuern Sie Ihr Denken immer wieder auf das bevorstehende Ereignis. Stoppen Sie jeden negativen Gedanken wie: „Hoffentlich singt auch wirklich Frau Gheorghiu“, „Was ist, wenn vor mir ein großer Mensch sitzt?“ usw.

➐ Wenn Sie nun in der Oper sitzen, wenden Sie alle Ihre Sinne auf das Geschehen auf der Bühne. Mit der ersten Note Ihres Lieblingsstücks schließen Sie wieder Ihre Augen, nehmen eine bequeme Sitzstellung ein und schwingen Sie leicht mit Ihrem Körper nach der Musik. Spielen Sie Ihren eigenen „Film“ ab, bleiben Sie mit Ihren Gedanken im Klangteppich der Musik. So stimulieren Sie auf natürliche Weise Ihre dopaminergen Nervenzellen und füttern ihr Belohnungszentrum.

➑Schlussendlich verknüpfen Sie diese Eindrücke mit dem Duft Ihres ausgewählten Parfums. Atmen Sie den Geruch im Takt der Musik. Empfinden Sie das Prickeln in Ihrem Körper, lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf. Dieser Sinnesrausch wird für Ihr Gehirn unvergesslich sein, auch ohne Alkohol oder eine andere Person.

➒ Um den Effekt der Konditionierung zu verstärken, nutzen Sie die Pause zwischen erstem und zweitem Akt. Suchen Sie sich eine schöne Ecke in der Oper aus, riechen Sie wieder an Ihrem Parfum, schließen Sie die Augen und verfolgen die Bilder in Ihrem Kopf. Wiederholen Sie dies wieder bei sich zu Hause, kaufen Sie sich dazu eine gute CD, am besten die von der Vorstellung.

➓Wenn es Ihnen mit der Zeit gelingt, angenehme Erlebnisse auf dieser Art und Weise zu speichern, dann werden Sie in schwierigen oder einsamen Zeiten das Glück haben, allein mit dem Duft eines Parfums positive Ereignisse und damit verbundene positive Gefühle zu empfinden. Mit geschlossenen Augen und ohne in der Oper zu sein. Besser lässt sich das Leben nicht „konservieren“.





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